Psychoanalyse im Dialog: aktuelle neurowissenschaftliche Befunde

Für viele klinisch tätige Psychoanalytiker ist der praktische Nutzen neuropsychoanalytischer Erkenntnisse zweifelhaft, oder wird überhaupt bestritten. Immerhin: Dieser Dialog löst Jahrzehnte des Schweigens, ja der erbitterten Feindschaft, zwischen diesen beiden Wissenschaftsdisziplinen ab.


Viele Psychoanalytiker würden zwar im Allgemeinen zustimmen, dass Fortschritte in den Neurowissenschaften für die Psychoanalyse von einer gewissen Bedeutung sind. Schließlich betrachtete Freud z.B. den Trieb als „eine Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhangs mit dem Körperlichen auferlegt ist“ (Freud 1915). Affekte und Vorstellungsrepräsentanzen waren für Freud die wichtigsten Abkömmlinge bzw. Ausdrucksformen des Triebes, sodass die Affekttheorie und die kognitive Neurowissenschaft für die Grundfesten der psychoanalytischen Theorie eine fundamentale Bedeutung haben müssen.

Doch findet sich in dem grundlegenden Interesse der meisten Psychoanalytiker für die Fortschritte in den Neurowissenschaften dennoch eine gewisse Ambivalenz. Manchmal besteht die Befürchtung, eine reduktionistische, objektivierende und somato-zentrische Betrachtungsweise könnte die spezifisch psychoanalytische, introspektive, auf der subjektiven Erfassung des Unbewussten basierende Methode zurückdrängen oder gar ersetzen wollen. Aus dieser Angst heraus entsteht dann manchmal eine Haltung, die die neuesten Befunde der Neurowissenschaften mit Begeisterung aufnimmt, solange sie sich als Bestätigung für Freudsche Thesen verstehen lassen, die aber zu tiefer Skepsis führt, wenn neue Informationen uns zu einem Überdenken oder Weiterentwickeln psychoanalytischer Thesen herausfordern.
Nur wenn die Psychoanalyse mit vollem Selbstbewusstsein in den angesprochenen Dialog mit den Neurowissenschaften eintritt, lassen sich die befürchteten Gefahren weitgehend minimieren. Die Psychoanalyse hat eine eigene Methode bei der Erfassung seelischer, v.a. unbewusster Vorgänge, und gerade diese Eigenständigkeit macht sie für die Neurowissenschaften zu einem interessanten Partner. Denn die Psychoanalyse kann den Neurowissenschaftern etwas zur Verfügung stellen, was diese selbst nicht haben, nämlich eine systematische Wahrnehmung und Reflexion subjektiver Vorgänge (v.a., wenn auch nicht ausschließlich, in der klinischen Situation) und eine darauf basierende Modellbildung über den psychischen Apparat. Die Psychoanalyse hat einen enormen und einzigartigen Reichtum an klinischen Erfahrungen und Reflexionen zusammengetragen und war und ist – bis in die Gegenwart – äußerst produktiv in der Verarbeitung dieser klinischen Erfahrungen zu enorm komplexen psychoanalytischen Denkmodellen. Diesen Reichtum kann der Psychoanalyse niemand wegnehmen und er ist auch der Grund, warum bedeutende Neurowissenschafter, wie etwa Nobelpreisträger Eric Kandel, der Meinung sind, die Psychoanalyse sei „immer noch die schlüssigste und intellektuell am meisten befriedigende Perspektive“ (Kandel 1999, 505) auf die menschliche Persönlichkeit, Motivation und Emotion.

Die Tagung „Psychoanalyse im Dialog: Aktuelle neurowissenschaftliche Befunde“ ist der Versuch, die Diskussion mit den Neurowissenschaften mit genau jenem Selbstbewusstsein aufzunehmen bzw. weiter zu führen, das zu einer echten Befruchtung der Gedankengänge in beiden Disziplinen führen kann. Zuerst werden grundlegende Fragen aufgeworfen, die den hierarchischen Aufbau des seelischen Apparates in der Psychoanalyse mit analogen Konzeptionen in der Neurologie und der Evolutionsforschung in Zusammenhang sehen. Es werden wichtige neurobiologische Forschungsmethoden dargestellt und ihre Anwendung auf psychologische, psychotherapeutische und psychoanalytische Fragestellungen untersucht. Überlegungen werden angestellt, wie neurobiologische Befunde unser Verständnis für menschliche Beziehungs- und Übertragungsmuster bereichern können. Und schließlich werden aktuellste Forschungsergebnisse referiert, die aus gegenwärtig laufenden Studien über die klinische und neurobiologische Wirksamkeit psychoanalytischer Behandlungen stammen.

 

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