Paradigmen der psychoanalytischen Sozial- und Kulturwissenschaft

Für Freud war die Psychoanalyse nie eine rein klinische Disziplin. In dieser Seminarreihe beschäftigen wir uns mit sozial- und kulturwissenschaftlichen Themen aus psychoanalytischer Perspektive. 

Schon in den Briefen an Fließ beschäftigte sich Sigmund Freud mit Kunst und Literatur, als Belegen für die Unbewusstheit von Wünschen und Schuldmotiven. Kunstwerke gelten der Psychoanalyse generell als Ausdruck mehrschichtiger Kommunikation, als Verdichtungen manifester Sinnbedeutungen und unbewusster Szenen und Phantasien.

Die 5 Termine dieser Seminarreihe widmen sich den Paradigmen, die für eine psychoanalytische Sozial- und Kulturwissenschaft relevant sind: Wir fragen, wie Freud seine klinisch psychoanalytischen Erkenntnisse auf die Urgeschichte, Krieg und Gewalt, die „kulturelle Sexualmoral“ sowie auf Massenpsychologie und Führerkult ausdehnte und weiterentwickelte. Wir sehen, wie kritische Theorie und Ethnopsychoanalyse begriffliche Instrumente entwickelten, die Anpassung und Widerstand klinisch und politisch reflektierbar machten. Wir beleuchten, wie ethnische, nationale oder religiöse Großgruppen historische Verletzungen transgenerational psychisch tradieren. Wir beschäftigen uns mit Symbolen und Symbolischem.

Info-Flyer

Zielgruppe: Die Seminarreihe richtet sich an

  • Studierende und Absolvent*innen von sozial- und kulturwissenschaftlichen Studien oder Personen aus dem Kunstbereich, die ein Interesse an der besonderen Dimension haben, die die Psychoanalyse für ihre Fächer einbringen kann. 
  • Psychoanalytiker*innen und Psychoanalytisch Orientierte Psychotherapeut*innen, die ein Fortbildungsinteresse in Richtung Gesellschaft- und Kulturwissenschaft haben. 

Der reduzierte Preis gilt nur für Teilnehmende am ULG-PPPM.

Fortführung: Diese Seminarreihe wird in den kommenden Semestern fortgesetzt und ist auch als 5-semestriger Lehrgang mit Paketpreis besuchbar. 

Die Inhalte im Detail:

1. & 2. Einführung in die Freud’sche Kulturtheorie

Sa., 27. Februar 2027, 10:00–16:15 (7 AE)
Fr., 05. März 2027, 15:00–20:30 (6 AE)
Andreas Mittermayr & Sabine Schlüter

In diesem zweiteiligen Seminar werden die Grundlagen der Freud’schen Kultur- und Gesellschaftstheorie gemeinsam erarbeitet. Die wesentlichen Schriften Freuds zu diesem Thema werden im Überblick dargestellt und einige Werke vertiefend behandelt, in Auszügen gelesen und diskutiert. Wir fragen, wie Freud seine klinisch-psychoanalytischen Erkenntnisse auf die Urgeschichte, Krieg und Gewalt, die „kulturelle Sexualmoral“ sowie auf Massenpsychologie und Führerkult ausdehnt und weiterentwickelt. Die späteren kulturtheoretischen Schriften Freuds werden im Hinblick auf ihre Möglichkeiten für die Religions- und Gesellschaftsanalyse sowie für Gesellschaftskritik untersucht.

3. Freudomarxismus – Kritische Theorie des Subjekts – Ethnopsychoanalyse: Postfreudianische Ansätze in deutschen Sprachraum

Fr., 16. April 2027, 15:00–20:30 (6 AE)
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Das Herannahen des Nationalsozialismus führte seit den späten 1920er Jahren auch zu psychoanalytischen Versuchen, den um sich greifenden Autoritarismus und Antisemitismus zu begreifen. Wilhelm Reich und Erich Fromm sind zwei frühe Autoren, die wir in diesem Zusammenhang untersuchen wollen. Letzterer ist zugleich ein Einstieg in die Theoriediskussion der „kritischen Theorie“, die sich stärker mit dem Scheitern der Arbeiterbewegung, der Dialektik der Aufklärung und später auch dem Nachleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsdemokratien beschäftigt haben. Ein anderer Strang, das Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaft zu erforschen, ist mit den Namen Parin und Morgenthaler verbunden. Die Ethnopsychoanalyse entwickelte begriffliche Instrumente, die Anpassung und Widerstand klinisch und politisch reflektierbar machten. 

4. Tavistock Institute – Objektbeziehungstheorie – Großgruppenidentität: Postfreudianische Ansätze im angelsächsischen Sprachraum 

Fr., 04. Juni 2027, 15:00–20:30 (6 AE)
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Die Erfahrungen von psychoanalytisch inspirierten Ärzten auf Seiten Großbritanniens im 2. Weltkrieg legten die Basis für die Entwicklung einer Gruppentheorie des Unbewussten. Die wechselseitige Befruchtung von Psychoanalyse und Gruppentheorie (z. B. durch Bion und Turquet) soll daraufhin untersucht werden, welches Verständnis von sozialpsychologischen und politischen Prozessen sich daraus gewinnen lässt. Die zeitgenössische Objektbeziehungstheorie (Volkan, Kernberg) hat diese Ansätze weiterentwickelt und ermöglicht sowohl ein Verständnis, wie ethnische, nationale oder religiöse Großgruppen historische Verletzungen transgenerational psychisch tradieren, als auch welche Rolle die psychische Struktur von Führungspersönlichkeiten für politische Bewegungen spielen. 

5. Symbol und Symbolisches. Vom kollektiven Mord an den Dingen: Postfreudianische Ansätze im französischen Sprachraum

Fr., 09. Juli 2027, 15:00–21:15 (7 AE)
Ulrike Kadi 

Das Symbol bildet einen Kreuzungspunkt verschiedener kulturtheoretischer Ansätze, die sich in Frankreich in den vergangenen achtzig Jahren entwickelt haben. Themen des Moduls betreffen Prozesse der Symbolisierung, der Desymbolisierung und die Grenzen des Symbolisierbaren. Die Engführung von Sprache und Unbewusstem, wie sie in der französisch geprägten Psychoanalyse üblich geworden ist, hat eine Reihe von Kontroversen nach sich gezogen, entlang derer Positionierungen einzelner französischer psychoanalytischer Autor*innen gemeinsam untersucht werden.

Couch in der Mitte, außen Symbole für Menschenm, Interaktionen, Kunst, Gruppen
Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!
Veranstalter:  Wiener Psychoanalytische Akademie (WPA)
Zielgruppe: Interessierte an Psychoanalyse
Interessierte an Psychoanalytischer Sozial- und Kulturwissenschaft
PsychotherapeutInnen in Ausbildung
Programmleitung: Dr. Fritz Lackinger, Dr. Franz Oberlehner
Preis der Veranstaltung: EUR 710,00
Reduzierter Preis: EUR 590,00
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