Psychoanalytisch orientierte Sozial- und Kulturwissenschaft - Lehrgang 5 Semester

Projektleitung: Fritz Lackinger und Franz Oberlehner

Für Freud war die Psychoanalyse nie eine rein klinische Disziplin. Schon in den Briefen an Fließ beschäftigte er sich mit Kunst und Literatur, als Belegen für die Unbewusstheit von Wünschen und Schuldmotiven. Kunstwerke gelten der Psychoanalyse generell als Ausdruck mehrschichtiger Kommunikation, als Verdichtungen manifester Sinnbedeutungen und unbewusster Szenen und Phantasien.

Der hier angebotene Lehrgang wird sich der psychoanalytischen Kunstbetrachtung ebenso widmen wie den Entwicklungsformen und -stufen kultureller Kommunikation in einem allgemeineren Sinn. Was verändert der erste „Besitz“ und das kindliche Spiel im psychischen Apparat und was der Spracherwerb? Und was ist mit den anderen Medien zwischenmenschlicher Kommunikation, deren Bedeutung ständig zunimmt: Film, Social Media und Künstliche Intelligenz?

Grundlegende Fragen stellen sich auch auf der Ebene des Politischen, sogar mit noch größerer Dringlichkeit. Warum glauben Menschen an Politiker*innen, die ihnen schaden? Warum wiederholt die Geschichte politische Phänomene, die wir längst überwunden glaubten? Warum scheitert Aufklärung immer wieder – nicht nur an äußeren Hindernissen, sondern an inneren Quellen der Irrationalität?

Solche Fragen erfordern sozioökonomische und historische Antworten – und sie haben eine psychische Tiefendimension, die ohne die Psychoanalyse unsichtbar bleibt. Dieser Lehrgang geht davon aus, dass beide Erklärungsebenen einander brauchen: dass gesellschaftliche Widersprüche sich in Subjekte einschreiben und dort psychische Formen annehmen, die sich der bloßen Interessenrechnung entziehen – und dass umgekehrt keine Psychologie der gesellschaftlichen Bedingungen vergessen darf, unter denen Subjekte entstehen und leiden.

Struktur des Lehrgangs
Der Lehrgang für psychoanalytische Sozial- und Kulturwissenschaft besteht aus fünf sogenannten Kompetenzmodulen, insgesamt also fünf Semestern, d.h. der volle Lehrgang erstreckt sich über zweieinhalb Jahre. Alle Module können gemeinsam, aber auch getrennt gebucht werden.
Die Kompetenzmodule bestehen aus jeweils 32 Arbeitseinheiten, die an fünf Seminarterminen an Freitagnachmittag/-abenden oder an Samstagen abgehalten werden. Nur im 4. Semester sind 35 Arbeitseinheiten in 7 Terminen vorgesehen.
Interessent*innen erhalten nach der Anmeldung eine Literaturliste, aus der fakultative Hintergrundliteratur und verbindlich-vorzubereitende Literaturangaben zu entnehmen sind.

Die Termine der Kompetenzmodule 3-5 werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Zielgruppe
Der Lehrgang richtet sich nicht nur an Psychoanalytiker*innen und Psychoanalytisch Orientierte Psychotherapeut*innen, die ein Fortbildungsinteresse in Richtung Gesellschaft- und Kulturwissenschaft haben, sondern vor allem an Studierende und Absolvent*innen von sozial- und kulturwissenschaftlichen Studien, die ein Interesse an der besonderen Dimension haben, die die Psychoanalyse für ihre Fächer einbringen kann.

Kompetenzmodul 1 (32 AE) – WS 2026/27
Paradigmen der psychoanalytischen Sozial- und Kulturwissenschaft

1. Einführung in die Freud’sche Kulturtheorie – 2 Termine
Fr., 18. September 2026, 15:00–21:15 (7 AE) 
Fr., 23. Oktober 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Andreas Mittermayr & Sabine Schlüter

In diesem zweiteiligen Seminar werden die Grundlagen der Freud’schen Kultur- und Gesellschaftstheorie gemeinsam erarbeitet. Die wesentlichen Schriften Freuds zu diesem Thema werden im Überblick dargestellt und einige Werke vertiefend behandelt, in Auszügen gelesen und diskutiert. Wir fragen, wie Freud seine klinisch-psychoanalytischen Erkenntnisse auf die Urgeschichte, Krieg und Gewalt, die „kulturelle Sexualmoral“ sowie auf Massenpsychologie und Führerkult ausdehnt und weiterentwickelt. Die späteren kulturtheoretischen Schriften Freuds werden im Hinblick auf ihre Möglichkeiten für die Religions- und Gesellschaftsanalyse sowie für Gesellschaftskritik untersucht.

2. Freudomarxismus – Kritische Theorie des Subjekts – Ethnopsychoanalyse: Postfreudianische Ansätze in deutschen Sprachraum
Fr., 20. November 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Das Herannahen des Nationalsozialismus führte seit den späten 1920er Jahren auch zu psychoanalytischen Versuchen, den um sich greifenden Autoritarismus und Antisemitismus zu begreifen. Wilhelm Reich und Erich Fromm sind zwei frühe Autoren, die wir in diesem Zusammenhang untersuchen wollen. Letzterer ist zugleich ein Einstieg in die Theoriediskussion der „kritischen Theorie“, die sich stärker mit dem Scheitern der Arbeiterbewegung, der Dialektik der Aufklärung und später auch dem Nachleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsdemokratien beschäftigt haben. Ein anderer Strang, das Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaft zu erforschen, ist mit den Namen Parin und Morgenthaler verbunden. Die Ethnopsychoanalyse entwickelte begriffliche Instrumente, die Anpassung und Widerstand klinisch und politisch reflektierbar machten.

3. Tavistock Institute – Objektbeziehungstheorie – Großgruppenidentität: Postfreudianische Ansätze im angelsächsischen Sprachraum
Fr., 18. Dezember 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Die Erfahrungen von psychoanalytisch inspirierten Ärzten auf Seiten Großbritanniens im 2. Weltkrieg legten die Basis für die Entwicklung einer Gruppentheorie des Unbewussten. Die wechselseitige Befruchtung von Psychoanalyse und Gruppentheorie (z. B. durch Bion und Turquet) soll daraufhin untersucht werden, welches Verständnis von sozialpsychologischen und politischen Prozessen sich daraus gewinnen lässt. Die zeitgenössische Objektbeziehungstheorie (Volkan, Kernberg) hat diese Ansätze weiterentwickelt und ermöglicht sowohl ein Verständnis, wie ethnische, nationale oder religiöse Großgruppen historische Verletzungen transgenerational psychisch tradieren, als auch welche Rolle die psychische Struktur von Führungspersönlichkeiten für politische Bewegungen spielen.

4. Symbol und Symbolisches. Vom kollektiven Mord an den Dingen: Postfreudianische Ansätze im französischen Sprachraum
Fr., 29. Jänner 2027, 15:00–21:15 (7 AE) 
Ulrike Kadi

Das Symbol bildet einen Kreuzungspunkt verschiedener kulturtheoretischer Ansätze, die sich in Frankreich in den vergangenen achtzig Jahren entwickelt haben. Themen des Moduls betreffen Prozesse der Symbolisierung, der Desymbolisierung und die Grenzen des Symbolisierbaren. Die Engführung von Sprache und Unbewusstem, wie sie in der französisch geprägten Psychoanalyse üblich geworden ist, hat eine Reihe von Kontroversen nach sich gezogen, entlang derer Positionierungen einzelner französischer psychoanalytischer Autor*innen gemeinsam untersucht werden.

Kompetenzmodul 2 (32 AE) – SoSe 2027
Psychoanalytische Ansätze zum Kunstverständnis

1. Psychoanalytische Kunst- und Kulturanalyse (7 AE)
Fr., 05.Februar 2027, 15:00 – 21:15 
Fritz Lackinger

Kunstwerke sind verdichtete Szenen, in denen sich unbewusste Wünsche, gesellschaftliche Konflikte und historische Erfahrung überlagern. Freud hat in Studien wie jener zum „Moses“ Michelangelos oder zum „Unheimlichen“ gezeigt, dass psychoanalytische Deutung auf die Struktur des Werkes selbst zielen kann – auf den latenten Sinn, der sich in der Spannung zum manifesten Textsinn entfaltet. Alfred Lorenzer hat diesen Ansatz als „tiefenhermeneutische Kulturanalyse“ methodisch ausgearbeitet und materialistisch gewendet: Das Kunstwerk wird lesbar als sinnlich-symbolische Gestaltung jener Praxisfiguren, die im herrschenden Sozialisationsprozess desymbolisiert wurden. Im Zentrum steht das szenische Verstehen, die Doppelbödigkeit von manifestem und latentem Textsinn sowie die kritische Wendung gegen den tabuisierenden Konsens. Das Seminar führt in die Grundbegriffe ein und erläutert jenes Wechselspiel von Sich-Einlassen auf das Werk und theoretisch geschärfter Reflexion, das die Tiefenhermeneutik gegen biographistische Verkürzungen ebenso wie gegen eine bloß subsumierende Anwendung psychoanalytischer Theoreme abgrenzt.

2. Psychoanalyse und Literatur – Poesie, Epik, Kinderliteratur – 2 Termine
Fr., 05. März 2027, 15:00–20:30 (6 AE) 
Sa., 17. April 2027, 9:00–14:00 (6 AE) 
Andreas Mittermayr & Sabine Schlüter

Die Literatur war Freud ein unerschöpflicher Fundus und ist es für Psychoanalytiker*innen bis heute. Sie dient als Quelle der Inspiration ebenso wie als Illustration psychoanalytischer Thesen oder als deren Beleg. So galten und gelten die Dichter stets als „wertvolle Bundesgenossen“ (Freud). Darüber hinaus wird die Psychoanalyse recht bald für die Interpretation von Kunst und Künstler*in (Stichwort: Psychopathographie) sowie für die Erklärung der Schöpfungskraft herangezogen. Die frühe Psychoanalyse wurde andererseits rasch zu einem Faszinosum für die Literat*innen selbst und es entstehen psychoanalytisch informierte oder sogar regelrechte Psychoanalyse-Romane. Die Literaturwissenschaft schließlich verdankt der Psychoanalyse wesentliche Theorien und Instrumentarien zur Analyse von Literatur, Literat*in und Leser*in (und deren Beziehungen). 
Bis heute ist die Beziehung zwischen Literatur, Psychoanalyse und Literaturwissenschaft eine besonders enge und fruchtbare. 
In dem Seminar sollen ausgehend von Freuds Literaturtheorien und -analysen und den Weiterentwicklungen psychoanalytischer Literaturtheorie bis heute verschiedene Texte und Gattungen (von Poesie und Roman über das Märchen bis hin zur Kinder- und Jugendliteratur) im Mittelpunkt stehen. Vermittelt werden Grundlagen zu psychoanalytischer Textinterpretation, Kreativitätstheorie (und Sublimierung), wobei der kreative Zugang der Leser*in stets den Ausgangspunkt der Überlegungen bilden wird.

3. Psychoanalyse und bildende Kunst (7 AE)
Sa., 5. Juni 2027, 9:00–12:15 und 13:30–15:45 
Sonia Grassberger

1912 führte Freud in seinen Ausführungen über das kunstwissenschaftliche Interesse an der Psychoanalyse aus, dass es der Psychoanalyse nicht schwerfalle, neben dem manifesten Anteil des künstlerischen Genusses einen latenten, wiewohl weit wirksameren, aus den versteckten Quellen der Triebbefreiung nachzuweisen. Diese Wirkweise eines Kunstwerks soll im Seminar empirisch erfahren werden. Dafür werden wir – auf die Analogie von Traum und Kunstobjekt referierend – ein ausgewähltes Werk vorübergehend wie einen manifesten Traum betrachten. Nach der gemeinsamen Erfahrung soll der Versuch einer theoretischen Konzeption des Erlebten unternommen werden. Fragestellungen zur „Doppelexistenz des Werks als geschaffenem Objekt und autonomem Subjekt“ (Bredekamp), zu seinem Sichtbarwerden ebenso wie zu seinem Sichtbarmachen in der Interaktion mit uns Betrachtenden, warum uns Bilder unmittelbar berühren können und sowohl bewusste wie auch unbewusste seelische Zustände in Resonanz versetzen können, et al. sollen beleuchtet werden. Verschiedene psychoanalytische Zugänge und Perspektiven (historische und aktuelle) zu Kunstwerken und Künstler*innen werden beleuchtet und in Bezug auf ihre Stärken und Schwächen hin diskutiert.

4. Psychoanalyse und Musik (6 AE)
Sa., 26. Juni 2027, 10:00–13:15 und 14:30–16:00 
Renate Kohlheimer 

Musikalische Elemente können im Verlauf einer Psychoanalyse präsent und psychisch dynamisch aktiv werden. Die „musikalische Qualität“ kann sich zum einen auf den nonverbalen Bereich des präverbalen und intrauterinen Lebens (D. Stern) beziehen und sich partiell mit der gesprochenen Sprache überlagern – etwa in Tonhöhe und Lautstärke (crescendo, diminuendo). Zum anderen umfasst der Begriff den gesamten emotionalen Bereich: Die Wahrnehmung von Gefühlen auf musikalischem Weg wird zum Ausdruck der Emotionalität (F. Grier). Musik wirkt unmittelbar auf das Körperselbst, ohne psychische Vorstellungsinhalte zu vermitteln, und entfaltet dennoch eine kulturell wie klinisch bedeutsame semantische Tiefe. Das Seminar erschließt zentrale Stationen der psychoanalytischen Auseinandersetzung mit Musik: von musikalischen Spannungsverläufen über die Bedeutung früher Hörerfahrungen für Symbolisierung und Kreativität bis zu Konzeptionen von Musik als Diskurs jenseits des sprachlichen Symbols. Von hier wird die Brücke zur Behandlungstechnik geschlagen – zum musikalischen Zuhören als analytischer Haltung und zur Bearbeitung psychisch noch nicht oder schwach repräsentierter Zustände. Das Seminar versteht sich als gemeinsame Suchbewegung an der Grenze zwischen Erleben und Erkennen jener musikalischen Dimensionen, die oft jenseits der unmittelbaren Wahrnehmung liegen.

Kompetenzmodul 3 (32 AE) – WS 2027/28
Psychoanalyse und Medienkultur

  1. Psychoanalyse und Medientheorie (Spiel, Sprache, Schrift, …) 
    Fritz Lackinger
  2. Psychoanalyse und Journalismus (Zeitungen, Radio, Fernsehen …) 
    Christian Schüller
  3. Psychoanalyse und Film 
    Rainer Gross, August Ruhs, Elisabeth Skale
  4. Psychoanalyse und Technik(kritik) (Virtualität, neue soziale Medien) 
    Franz Oberlehner
  5. Psychoanalyse und künstliche Intelligenz 
    Jürgen Fuchshuber

     

Kompetenzmodul 4 (35 AE) – SoSe 2028
Psychoanalytische Zugänge zu Wirtschaft, Politik und soziale Ungleichheit

  1. Psychoanalyse, Arbeit und Wirtschaft 
    Fritz Lackinger
  2. Psychoanalyse, Geld und neoliberale Finanzialisierung 
    Franz Oberlehner
  3. Gesellschaftliche Widersprüche 1: Antisemitismus und internalisierter Rassismus als psychoanalytische Konzepte 
    Esther Hutfless
  4. Gesellschaftliche Widersprüche 2: Unbewusste Aspekte von Umweltzerstörung und Klimawandel 
    Victor Blüml
  5. Gesellschaftliche Widersprüche 3: Veränderung von Sexualität, Strukturwandel der Psyche, Internetpornografie, Körperaugmentierung 
    Franz Oberlehner
  6. Gesellschaftliche Widersprüche 4: Psychoanalytische Gendertheorien und Queer-Analysen 
    Esther Hutfless
  7. Psychoanalytisches Verständnis von Massenregression und Faschismusgefahr 
    Fritz Lackinger

Kompetenzmodul 5 (32 AE) – WS 2028/29
Sozialpsychoanalytische Forschung

  1.  Qualitative Forschung, Grounded Theory, etc.
    Victor Blüml
  2. Übertragung und Gegenübertragung als Forschungstools, reverie-focused research 
    Victor Blüml
  3. Ethnopsychoanalyse (z. B. Devereux, Parin, Morgenthaler, Erdheim, Nadig, Krueger) 
    Franz Oberlehner
  4. Tiefenhermeneutik (am Bsp. Leithäuser, Lorenzer und König) 
    Fritz Lackinger
  5. Tavistock-group-relations-Ansatz (z. B. Bion, Rustin, Kernberg), Critical Realism (z.B. Bhaskar, Pilgrim) und integrierte psychoanalytische Forschung 
    Fritz Lackinger

     

Ankündigungsbild: Canva AI

Ankündigungsbild zum Gesamtpaket Psychoanalytisch orientierte Sozial- und Kulturwissenschaft 2026 bis 2029
Wir freuen uns auf Ihre Anmeldung!
Veranstalter:  Wiener Psychoanalytische Akademie (WPA)
Zielgruppe: PsychoanalytikerInnen
PsychotherapeutInnen
Interessierte an Psychoanalytischer Sozial- und Kulturwissenschaft
Programmleitung: Fritz Lackinger, Franz Oberlehner
Preis der Veranstaltung: EUR 2.990,00
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