Psychoanalytisch orientierte Sozial- und Kulturwissenschaft - Modul 1

Kompetenzmodul 1 (32 AE) – WS 2026/27
Paradigmen der psychoanalytischen Sozial- und Kulturwissenschaft

Für Freud war die Psychoanalyse nie eine rein klinische Disziplin. Schon in den Briefen an Fließ beschäftigte er sich mit Kunst und Literatur, als Belegen für die Unbewusstheit von Wünschen und Schuldmotiven. Kunstwerke gelten der Psychoanalyse generell als Ausdruck mehrschichtiger Kommunikation, als Verdichtungen manifester Sinnbedeutungen und unbewusster Szenen und Phantasien.

Der hier angebotene Lehrgang wird sich der psychoanalytischen Kunstbetrachtung ebenso widmen wie den Entwicklungsformen und -stufen kultureller Kommunikation in einem allgemeineren Sinn. Was verändert der erste „Besitz“ und das kindliche Spiel im psychischen Apparat und was der Spracherwerb? Und was ist mit den anderen Medien zwischenmenschlicher Kommunikation, deren Bedeutung ständig zunimmt: Film, Social Media und Künstliche Intelligenz?

Grundlegende Fragen stellen sich auch auf der Ebene des Politischen, sogar mit noch größerer Dringlichkeit. Warum glauben Menschen an Politiker*innen, die ihnen schaden? Warum wiederholt die Geschichte politische Phänomene, die wir längst überwunden glaubten? Warum scheitert Aufklärung immer wieder – nicht nur an äußeren Hindernissen, sondern an inneren Quellen der Irrationalität?

Solche Fragen erfordern sozioökonomische und historische Antworten – und sie haben eine psychische Tiefendimension, die ohne die Psychoanalyse unsichtbar bleibt. Dieser Lehrgang geht davon aus, dass beide Erklärungsebenen einander brauchen: dass gesellschaftliche Widersprüche sich in Subjekte einschreiben und dort psychische Formen annehmen, die sich der bloßen Interessenrechnung entziehen – und dass umgekehrt keine Psychologie der gesellschaftlichen Bedingungen vergessen darf, unter denen Subjekte entstehen und leiden.

1. Einführung in die Freud’sche Kulturtheorie – 2 Termine
Fr., 18. September 2026, 15:00–21:15 (7 AE) 
Fr., 23. Oktober 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Andreas Mittermayr & Sabine Schlüter

In diesem zweiteiligen Seminar werden die Grundlagen der Freud’schen Kultur- und Gesellschaftstheorie gemeinsam erarbeitet. Die wesentlichen Schriften Freuds zu diesem Thema werden im Überblick dargestellt und einige Werke vertiefend behandelt, in Auszügen gelesen und diskutiert. Wir fragen, wie Freud seine klinisch-psychoanalytischen Erkenntnisse auf die Urgeschichte, Krieg und Gewalt, die „kulturelle Sexualmoral“ sowie auf Massenpsychologie und Führerkult ausdehnt und weiterentwickelt. Die späteren kulturtheoretischen Schriften Freuds werden im Hinblick auf ihre Möglichkeiten für die Religions- und Gesellschaftsanalyse sowie für Gesellschaftskritik untersucht.

2. Freudomarxismus – Kritische Theorie des Subjekts – Ethnopsychoanalyse: Postfreudianische Ansätze in deutschen Sprachraum
Fr., 20. November 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Das Herannahen des Nationalsozialismus führte seit den späten 1920er Jahren auch zu psychoanalytischen Versuchen, den um sich greifenden Autoritarismus und Antisemitismus zu begreifen. Wilhelm Reich und Erich Fromm sind zwei frühe Autoren, die wir in diesem Zusammenhang untersuchen wollen. Letzterer ist zugleich ein Einstieg in die Theoriediskussion der „kritischen Theorie“, die sich stärker mit dem Scheitern der Arbeiterbewegung, der Dialektik der Aufklärung und später auch dem Nachleben des Nationalsozialismus in den Nachkriegsdemokratien beschäftigt haben. Ein anderer Strang, das Verhältnis von Psychoanalyse und Gesellschaft zu erforschen, ist mit den Namen Parin und Morgenthaler verbunden. Die Ethnopsychoanalyse entwickelte begriffliche Instrumente, die Anpassung und Widerstand klinisch und politisch reflektierbar machten.

3. Tavistock Institute – Objektbeziehungstheorie – Großgruppenidentität: Postfreudianische Ansätze im angelsächsischen Sprachraum
Fr., 18. Dezember 2026, 15:00–20:30 (6 AE) 
Fritz Lackinger & Franz Oberlehner

Die Erfahrungen von psychoanalytisch inspirierten Ärzten auf Seiten Großbritanniens im 2. Weltkrieg legten die Basis für die Entwicklung einer Gruppentheorie des Unbewussten. Die wechselseitige Befruchtung von Psychoanalyse und Gruppentheorie (z. B. durch Bion und Turquet) soll daraufhin untersucht werden, welches Verständnis von sozialpsychologischen und politischen Prozessen sich daraus gewinnen lässt. Die zeitgenössische Objektbeziehungstheorie (Volkan, Kernberg) hat diese Ansätze weiterentwickelt und ermöglicht sowohl ein Verständnis, wie ethnische, nationale oder religiöse Großgruppen historische Verletzungen transgenerational psychisch tradieren, als auch welche Rolle die psychische Struktur von Führungspersönlichkeiten für politische Bewegungen spielen.

4. Symbol und Symbolisches. Vom kollektiven Mord an den Dingen: Postfreudianische Ansätze im französischen Sprachraum
Fr., 29. Jänner 2027, 15:00–21:15 (7 AE) 
Ulrike Kadi

Das Symbol bildet einen Kreuzungspunkt verschiedener kulturtheoretischer Ansätze, die sich in Frankreich in den vergangenen achtzig Jahren entwickelt haben. Themen des Moduls betreffen Prozesse der Symbolisierung, der Desymbolisierung und die Grenzen des Symbolisierbaren. Die Engführung von Sprache und Unbewusstem, wie sie in der französisch geprägten Psychoanalyse üblich geworden ist, hat eine Reihe von Kontroversen nach sich gezogen, entlang derer Positionierungen einzelner französischer psychoanalytischer Autor*innen gemeinsam untersucht werden.

Struktur des Lehrgangs
Der Lehrgang für psychoanalytische Sozial- und Kulturwissenschaft besteht aus fünf sogenannten Kompetenzmodulen, insgesamt also fünf Semestern, d.h. der volle Lehrgang erstreckt sich über zweieinhalb Jahre. Alle Module können gemeinsam, aber im Laufe des Lehrgangs auch getrennt gebucht werden.
Die Kompetenzmodule bestehen aus jeweils 32 Arbeitseinheiten, die an fünf Seminarterminen an Freitagnachmittag/-abenden oder an Samstagen abgehalten werden. Nur im 4. Semester sind 35 Arbeitseinheiten in 7 Terminen vorgesehen.
Interessent*innen erhalten nach der Anmeldung eine Literaturliste, aus der fakultative Hintergrundliteratur und verbindlich-vorzubereitende Literaturangaben zu entnehmen sind.

Die Termine des Moduls 2 stehen bereits fest – die der Kompetenzmodule 3-5 werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Zielgruppe
Der Lehrgang richtet sich nicht nur an Psychoanalytiker*innen und Psychoanalytisch Orientierte Psychotherapeut*innen, die ein Fortbildungsinteresse in Richtung Gesellschaft- und Kulturwissenschaft haben, sondern vor allem an Studierende und Absolvent*innen von sozial- und kulturwissenschaftlichen Studien, die ein Interesse an der besonderen Dimension haben, die die Psychoanalyse für ihre Fächer einbringen kann.

Projektleitung: Fritz Lackinger und Franz Oberlehner

Ankündigungsbild: Canva AI

Ankündigungsbild für Psychoanalytische Sozial- und Kulturwissenschaft, erstes Semester
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Veranstalter:  Wiener Psychoanalytische Akademie (WPA)
Zielgruppe: PsychoanalytikerInnen
PsychotherapeutInnen
Interessierte an Psychoanalytischer Sozial- und Kulturwissenschaft
Programmleitung: Fritz Lackinger, Franz Oberlehner
Preis der Veranstaltung: EUR 695,00
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